Learn to let go – unser Jahr vor der Abreise

Learn to let go – unser Jahr vor der Abreise

EIN GANZES JAHR – an Vorbereitungen, um an dieser Stelle, an diesem Ort zu sein; sich den gemeinsamen Lebenstraum zu verwirklichen. Und damit ist nicht nur das Reisen gemeint, sondern auch die Freiheit zu haben, unser Kind in der weiten Welt zu gebären und frei von jeglichen noch so lieb gemeinten Vorschlägen und Empfehlungen anderer zu sein. So lang hat es gedauert, um unsere bestehende Welt um uns herum aufzulösen und auf das Minimalste zu reduzieren. Woran denkt man? Und was wir vergessen haben – in Auckland sitzend denken wir an die Zeit im letzten Jahr zurück.

Die Organisation begann schon Anfang 2019 und war eine kleine Mammutaufgabe. Hierbei ging es nicht nur um die Kündigung verschiedenster Versicherungen, den Verkauf des Autos, des Motorrades, der Fahrräder, der Kündigung der Arbeit und der Wohnung, den Verkauf jeglicher Einrichtungsgegenstände oder Textilien auf diversen Flohmärkten, oder dem Abschließen neuer Verträge für Auslandskrankenversicherungen, sondern vielmehr um die Tatsache: „Was wollen wir wirklich behalten und wo kann es untergebracht werden?“ Alles muss in einer logischen Reihenfolge sein, denn ohne Auto und Motorrad kann man in der Stadt überleben – ohne Rad nicht. Auch eine gute Planung bzgl. des Geldes ist notwendig, Bahntickets oder Mietpreise für Autos und Transporter müssen mit berücksichtigt werden, um zur Familie und zu Freunden zu kommen oder den „letzten Rest“ zum Einlagern und Unterstellen zu bringen. Es ist eine logistische Meisterleistung bis zum Schluss zu planen, was verkauft werden kann, was behalten werden soll, und was am Tag, an dem wir unsere Wohnung verlassen, zum Wertstoffhof gebracht werden muss.

Die eben aufgezählten Dinge zu berücksichtigen war nur ein kleiner Bruchteil. Versuchen eine neue Sprache zu lernen, langjährige Mitgliedschaften in erfolgreichen Sportvereien zu kündigen und ,,sportlos“ zu sein, bis in den Dezember weiter seinem Arbeitsalltag folgen, sich aus Deutschland abmelden und noch ein paar Wochen bei der Familie unter kommen waren weitere Aufgaben. Genauso wie, und das war wohl der härteste Teil, sich von allen Familienmitgliedern, Freunden und den geliebten Haustieren verabschieden. Dazu zählt auch sich dessen bewusst zu sein, den ein oder anderen vielleicht nie wieder zu sehen. Mal ganz davon abgesehen, dass wir unsere beiden Katzen nur an Familienmitglieder abgegeben haben, bei denen sie es eindeutig besser haben als bei uns. Mit Freigang und bei zwei Rentnern, die sich liebevoll kümmern, jeden Wunsch von den Katzenaugen ablesen und sich rund um die Uhr um das neu geschaffene Schlaraffenland kümmern. Wir standen immer nur nach der Arbeit am Abend zum Spielen und Schmusen zur Verfügung.

Die größten Fragezeichen bescherte uns allerdings die geplante Schwangerschaft. Auch wir können versichern: ,,Nicht jede Entscheidung war leicht“. Als der Test dann doch positiv war, haben wir sogar daran gedacht alles abzublasen und zu Hause zu bleiben – na gut vielleicht für eine Sekunde :). Als der anfängliche: ,,Ach du scheiße wir sind schwanger – Schock“ aber verdaut war, wurde es einfacher. Bereits bei der ersten Vorsorgeuntersuchung haben wir die Gynäkologin in unsere Pläne eingeweiht und nachdem sie bemerkte mit welcher Sorgfalt wir alles durchplant haben, war sie begeistert und hat uns bestens unterstützt. Weitere Termine verliefen reibungslos und ohne Komplikationen. Uns war damit klar, wir brauchen fast keine Betreuung.
Wer also so ein Glück hat wie wir, sich dazu entschließt schwanger zu reisen und die Geburt im Ausland zu realisieren, dem können wir sagen: „Wer sich das traut dem empfehlen wir es unbedingt!“ Die gemeinsame Zeit, auf diese Art und Weise inmitten der Welt zu genießen, ist eine der schönsten Erfahrungen die wir bis dato gemacht haben.

Die Schwangerschaft machte den Organisationsaufwand natürlich noch ein wenig größer! Uns hat ein Zeitplan geholfen, auf welchem enthalten war, was wir wann erledigen müssen. Fristen für Kündigungen einzuhalten, Telefon- und Internetverträge, Abos, Wahrnehmen von Terminen auf diversen Ämtern, Wohnungsvorabnahme des Vermieters oder eigenständige Nachmietersuche stellt dabei nur ein kleines Thema dar. Wochenlang war unser Schlafzimmer regelrecht mit Tabellenblättern tapeziert. Tabellen in welche jeder von uns eintrug, was erledigt oder was noch ausstehend war. Die Wohnung und sein Hab und Gut nacheinander zu reduzieren, welches man sich im Leben aufgebaut hat, um dann die letzten Wochen nur auf einer Matratze und umringt von einer leeren Wohnung zu schlafen, ist schon ein gewaltiger Batzen.

Weiter ging es mit: „Wo können wir die ersten Monate sein, um dann ab der 30. Schwangerschaftswoche einen Ort zu finden, an dem der Knirps zu Welt kommen kann.“ Brauchen wir ein Visum hierfür und wenn ja welches? Welche Dokumente müssen wir mitführen? Denn Knirpsl braucht irgendwann auch einen Reisepass! Wie ist die medizinische Versorgung im Land? Gibt es Geburts- oder Krankenhäuser in der Nähe? Wie kommen wir da hin? Wäre dort Arbeit in der Nähe? Unser ganzes Reisebudget drauf gehen zu lassen wäre sinnfrei. Übernimmt die Auslandskrankenversicherung die Kosten der Geburt oder nicht? Welche Fluggesellschaften nehmen Schwangere noch mit und welche nicht? Muss ich in der Zeit zur Kontrolluntersuchung? Wie finde ich vor Ort eine Hebamme? Und und und …

Es waren Tausende Fragen und Sachen zu organisieren! Und dennoch – ES HAT SICH GELOHNT

Mit jedem Flohmarkt, an dem wir teilgenommen haben, reduzierten sich Klamotten, Möbel und andere Dekorations – und Einrichtungsgegenstände, sodass die Wohnung schnell spürbar leerer wurde. Schon im November war sie nahezu leer und das obwohl wir im Januar erst losgezogen sind. In der Zeit ab November haben wir für die Nachmieter alles noch einmal streichen und renovieren können. Um schließlich am 27. Dezember, gleich nach der Wohnungsübergabe, in einem Transporter voller Restmüll, welchen wir noch auf den Wertstoffhof brachten, die Stadt in der wir lebten, zu verlassen – wahrscheinlich für immer.

Das Leben zweier Menschen in ein paar Kisten verstaut

Und jetzt, fast ein halbes Jahr später, blicken wir noch einmal auf die vergangene Zeit und unser altes Leben zurück und bereuen NICHTS! Alles war richtig! Ausnahmslos! Es hat sich jetzt schon gelohnt! Wir sind derzeit tausend mal glücklicher – wahrscheinlich so wie noch nie zuvor. Auch wenn es hier und da schwer ist – und das ist es und wird es auch immer sein – miteinander zu Reden, Schlachtpläne zu entwickeln, Verständnis zu haben und die Welt gemeinsam zu genießen hilft über alles hinweg. Wir können nur jedem, der ein wenig mit sich hadert dem Rat geben: „Geh, pack deine Sachen und lass dir die Zeit und die Erfahrungen nicht nehmen. Alle materiellen Dinge, an denen wir dachten zu hängen sind schon aus unseren Gedanken verschwunden!“

Die Welt gehört dem, der sie genießt.

Giacomo Leopardi

Dieser Beitrag hat einen Kommentar

  1. Frauke Winkler

    Wenn Entscheidungen im Rückblick so gesehen werden, kann man einfach nur gratulieren. Well done, you two. 🙂

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